Beton ist das am häufigsten verwendete künstliche Material der Welt, dessen Herstellung rund 8 % der globalen CO₂-Emissionen verursacht. Ein niederländisches Start-up hat diese Logik nun grundlegend umgekehrt – Gebäude werden zu permanenten Kohlenstoffspeichern statt zu Emissionsquellen.
Im Juni 2026 brachte das niederländische Cleantech-Unternehmen Paebbl das weltweit erste kohlenstoffnegative Baumaterial auf den Markt – Rebond 300. Laut Umweltproduktdeklaration (EPD) beträgt sein CO₂-Fußabdruck -149 kg CO₂ pro Tonne. Das bedeutet, dass jede Tonne Rebond 300 mehr CO₂ aus der Atmosphäre entfernt, als während ihres gesamten Herstellungsprozesses emittiert wird.
Geologische Prozesse von Jahrmillionen auf eine Stunde komprimiert
Prinzip: Biomimetische „beschleunigte Verwitterung“
In der Natur dauert der Prozess, bei dem CO₂ mit Gesteinen wie Peridotit reagiert und stabile Karbonatminerale bildet – die sogenannte „Gesteinsverwitterung“ – normalerweise Jahrhunderte bis Jahrtausende. Paebbls patentierte Technologie „Geomimikry“ verkürzt diesen geologischen Zeitrahmen durch einen beschleunigten Mineralisierungsprozess auf etwa eine Stunde – ein Beschleunigungsfaktor von bis zu 10 Millionen.
Konkret wird bei dieser Technologie CO₂ aus industriellen Emissionsquellen mit silikatreichen Mineralien wie Olivin bei niedrigen Temperaturen und geringem Energieverbrauch zur Reaktion gebracht, wodurch gasförmiges CO₂ in ein stabiles, hellgraues Mineralpulver umgewandelt wird. Dieses Pulver kann als ergänzendes zementartiges Material (SCM) herkömmlichen Zement ersetzen und direkt in der Betonproduktion verwendet werden. Der gesamte Prozess vereint Kohlenstoffabscheidung, -nutzung und dauerhafte Speicherung (CCUS) in einem.
Produkt: Fast weißes Pulver, kompatibel mit bestehenden Produktionslinien
Rebond 300 ist nahezu weiß und erfüllt die ästhetischen Anforderungen von Architektur und Design. Es kann bis zu 30 % des herkömmlichen Zements in Standardbetonmischungen ersetzen und die graue Energie von Beton bei Standardersatzraten um bis zu 40 % reduzieren. Im Vergleich zur ersten Generation von Paebbl-Produkten wurde die CO₂-Reduktionswirkung um das Zehnfache verbessert.
Noch wichtiger: Rebond 300 ist vollständig kompatibel mit den bestehenden Produktionsprozessen von Transportbeton und Fertigteilen – ohne jegliche Anpassungen an Mischanlagen, Formen oder Bauabläufen. Paebbl hat sein Produkt erfolgreich in verschiedene Zement- und Betonsysteme wie CEM I, CEM II, CEM III/A und CEM III/B integriert.
Kernlogik: Gebäude als Kohlenstoffsenken
Paebbl erklärte in einer offiziellen Stellungnahme: „Jedes Gebäude, das Rebond 300 verwendet, wird zu einem permanenten Kohlenstoffspeicher. Dieser Beitrag beruht auf den physikalisch-chemischen Eigenschaften des Materials selbst, nicht auf buchhalterischen Anpassungen.“
Die revolutionäre Logik dahinter: Traditionelle CO₂-Neutralität beruht auf einem buchhalterischen Ausgleich von Emissionen und Kompensation, während Rebond 300 CO₂ auf molekularer Ebene im Baumaterial fixiert – mit einer Speicherdauer, die der Lebensdauer des Gebäudes entspricht: Jahrzehnte oder sogar Jahrhunderte.
Vom Labor zur Kommerzialisierung
Niederländische CO₂-neutrale Brücke: Weltweit erste CO₂-neutrale Betonbrücke
Im Januar 2026 realisierte Paebbl zusammen mit dem niederländischen Bauunternehmen Heijmans und dem Betonhersteller Van der Kamp die weltweit erste CO₂-neutrale Betonbrücke in den Niederlanden. In diesem Projekt ersetzte Paebbls Kohlenstoffspeichermaterial 30 % des Zements, und die gesamte Brückenfahrbahn band 66 kg CO₂ – ein Netto-Null-Emissionswert über den gesamten Lebenszyklus.
Industrieboden in Deutschland: Erster kommerzieller Kohlenstoffspeicher-Ortsbeton
In Zusammenarbeit mit dem globalen Baustoffriesen Holcim und dem Bauunternehmen GOLDBECK lieferte Paebbl in Deutschland den ersten kommerziellen Industrieboden aus Kohlenstoffspeicher-Ortsbeton aus. Paebbl-Material wurde für drei strukturelle Verankerungen verwendet, wodurch der CO₂-Fußabdruck bei gleichbleibender Stabilität reduziert wurde.
Holcim bestätigte in der Zusammenarbeit: „Der Beton mit Paebbls Kohlenstoffspeichermaterial erfüllte alle Erwartungen – gleiche Verarbeitbarkeit, gleiche Festigkeitsklasse, gleicher Bauablauf. Das gibt uns das Vertrauen für eine großflächige Einführung.“
Hafeninfrastruktur: 110 kg Kohlenstoffspeicherung pro Tonne Ankermischung
In einer von Paebbl und Hakkers entwickelten Kaimaueranwendung ersetzte Paebbl-Material 15 % des Zements, wodurch pro Tonne Ankermischung bis zu 110 kg CO₂ gespeichert werden konnten.
EU und globale Giganten treiben die Skalierung voran
Paebbl bewegt sich von einem Einzelprodukt hin zur branchenübergreifenden Zusammenarbeit. Im Juni 2026 erhielt Paebbl gemeinsam mit SaltX Technology (schwedisches Unternehmen für elektrisch beheizte Zementklinkertechnologie) und Holcim (weltgrößter Zementhersteller) eine Förderung von rund 45 Millionen Schwedischen Kronen (ca. 4,3 Millionen US-Dollar) von der EU-Partnerschaft für den sauberen Energiewandel (CETP) für ein dreijähriges integriertes Demonstrationsprojekt für elektrisch beheizten Zement und Kohlenstoffmineralisierung in Schweden.
Das Projekt integriert SaltX‘ elektrisch beheizte Klinkerreaktor-Technologie (ECR) mit Paebbls Kohlenstoffmineralisierungstechnologie in derselben industriellen Wertschöpfungskette. SaltX‘ ECR-Technologie ersetzt fossile Brennstoffe durch elektrische Beheizung beim Brennen, während Paebbl das abgeschiedene CO₂ in kohlenstoffnegative Baumaterialien umwandelt – die Kombination könnte die Prozessemissionen der Zementproduktion drastisch reduzieren und gleichzeitig neue Kreislaufmaterialströme schaffen.
Andreas Saari, Mitgründer und Co-CEO von Paebbl, sagte: „Die Zementindustrie steht unter doppeltem Druck: Sie muss sowohl die Energieintensität senken als auch die CO₂-Emissionen eliminieren. Diese Zusammenarbeit zeigt einen Weg, beide Herausforderungen gleichzeitig anzugehen – mit elektrisch beheizten Öfen und der Umwandlung von abgeschiedenem CO₂ in kohlenstoffspeicherndes SCM, um die Grenzen der Kohlenstoffeffizienz in Betonmischungen zu durchbrechen.“
Lina Jorheden, CEO von SaltX, betonte: „Wir haben bereits bewiesen, dass hochwertiger Zementklinker in einem vollständig elektrisch beheizten Prozess hergestellt werden kann. Diese Zusammenarbeit vereint führende Industrie- und Forschungspartner entlang der gesamten Wertschöpfungskette, um die Grundlage für eine neue Generation der Zementproduktion zu schaffen.“
Ram Muthu, Leiter Betriebsexzellenz bei Holcim, unterstrich: „Unsere Zusammenarbeit zeigt, dass Partnerschaften die neue Führungsform sind. Gemeinsam mit SaltX und Paebbl skalieren wir innovative Technologien, um die Zementproduktion vollständig zu elektrifizieren und sie gleichzeitig zu einer Kohlenstoffsenke zu machen.“
Das Projekt wird zudem von Forschungseinrichtungen wie dem schwedischen RISE-Institut, der französischen Université Gustave Eiffel, dem indischen NCCBM und CSIR-CBRI unterstützt.
Jedes Gebäude zu einer Kohlenstoffsenke machen
Sofort verfügbar: Keine Anpassungen an bestehenden Anlagen erforderlich
Rebond 300 kann bis zu 30 % des Zements in bestehenden Betonmischungen direkt ersetzen und ist vollständig kompatibel mit den bestehenden Prozessabläufen von Transportbeton und Fertigteilen. Das bedeutet, dass weltweit Betonmischanlagen ohne jegliche Geräteumrüstung sofort mit der Nutzung beginnen können.
Umfassende Anwendungsbereiche
Paebbl führt Gespräche mit mehreren führenden Unternehmen über Partnerschaften in Bereichen wie kohlenstoffspeichernde Rechenzentren, öffentliche Infrastrukturprojekte, Küstenschutzmaßnahmen sowie Einzelhandels- und Wohngebäude.
Kohlenstoffgutschriften: Jede Tonne ist „quantifizierbar“
Rebond 300 kann zudem verifizierte CO₂-Entfernungsgutschriften generieren, die Unternehmen zur Erreichung ihrer Netto-Null-Ziele nutzen können – das bedeutet, dass kohlenstoffnegative Baumaterialien nicht nur Umweltkosten senken, sondern auch handelbaren wirtschaftlichen Wert schaffen.
Ultimative Vision: CO₂-Entfernung im Gigatonnen-Maßstab
Paebbls Gründungsmission ist es, durch Kohlenstoffspeichermaterialien das CO₂-Gleichgewicht der Erde wiederherzustellen, mit einem Zielmaßstab von Gigatonnen CO₂. Von der CO₂-neutralen Brücke in den Niederlanden über den ersten kommerziellen Kohlenstoffspeicherboden in Deutschland bis hin zum EU-geförderten integrierten Demonstrationsprojekt für elektrisch beheizten Zement – jeder Schritt bringt die Vision „Gebäude als Kohlenstoffsenken“ der Realität näher. Wie Paebbl sagt: „Dieses Produkt eröffnet eine völlig neue Kategorie von Baumaterialien – CO₂ wird als Rohstoff eingesetzt, in Mineralien umgewandelt, und jedes Gebäude wird zu einem permanenten Kohlenstoffspeicher.“
