de.wedoany.com-Bericht: Die polnische Region Westpommern wandelt sich rasant zum nationalen Zentrum für Offshore-Windenergie. Mit Stettin und Świnoujście als Kern bilden sich Hafen- und Produktionsstandorte, die Installationskais, Komponentenfertigung und Lieferketten für mehrere Projekte umfassen. Diese werden dem polnischen Stromnetz letztlich mehrere Gigawatt Offshore-Windleistung hinzufügen.

Der erste spezielle Offshore-Windinstallationshafen Polens – das Offshore-Terminal Świnoujście – wurde Mitte 2025 unter der Leitung von ORLEN Neptun in Betrieb genommen. Der Hafen dient sowohl der Montage als auch der Verladung von Windkraftanlagenkomponenten, die nach Lagerung und Vorbereitung zur Offshore-Installation transportiert werden. Świnoujście verfügt bereits über ein LNG-Terminal; die Hinzunahme des Offshore-Windenergiestandorts verleiht ihm eine Doppelfunktion in der polnischen Energie-infrastruktur. In Richtung des Hafens Kołobrzeg hat ORLEN Neptun bereits Flächen für eine Wartungs- und Servicebasis reserviert, die dem nächstgelegenen Projektgebiet am nächsten liegt.
Die Projekte stammen hauptsächlich aus der zweiten Offshore-Entwicklungsphase von ORLEN. Der Windpark Baltic East (ca. 900 MW) wurde im Dezember 2025 bei der ersten polnischen Offshore-Windauktion bezuschlagt und befindet sich nun in der detaillierten Planungsphase. Der deutlich größere Windpark Baltic West mit etwa 4 GW verteilt sich auf vier Konzessionsgebiete in der Region Ławica Odrzańska (auch Oder Bank genannt) und soll 2034 erstmals Strom liefern; Meeresumweltuntersuchungen und Meeresbodenstudien laufen bereits. Der ORLEN-Konzern strebt bis 2035 eine installierte Kapazität von 12,8 GW aus erneuerbaren Energien an. Darüber hinaus ist der Windpark Baltica 2 (1,5 GW, 107 Turbinen, etwa 40 km vor der Küste von Ustka) von PGE–Ørsted das größte im Bau befindliche Offshore-Projekt Polens.
Die Region legt Wert auf den Aufbau lokaler Lieferketten. Die Ingenieur- und Planungsarbeiten für Baltic East werden von einem Konsortium aus PROJMORS ASE, Ramboll Polska und Enprom durchgeführt, an dem auch Forschungseinrichtungen wie die Maritime Universität Stettin und die Polnische Marineakademie beteiligt sind. Der belgische Hersteller Smulders produziert Plattformkomponenten in seinem Werk in Żary und montiert sie in Świnoujście, bevor sie zu Baltica 2 transportiert werden. Die staatliche Agentur ARP plant gemeinsam mit der Tele-Fonika Kable/JDR-Gruppe das erste polnische Kabelverlegeschiff, um den Engpass an Installationsschiffen zu mildern, der europäische Offshore-Projekte behindert.
Janusz Bil, Leiter von ORLEN Neptun, betont, dass die Entstehung einer nationalen Lieferkette das gemeinsame Werk von Zulieferern, Investoren, öffentlichen Einrichtungen und Branchenverbänden sei. Die Branche sieht darin eine Möglichkeit, die Abhängigkeit von ausländischen Schiffen und spezialisierten Auftragnehmern zu verringern und gleichzeitig lokale technische Kompetenzen aufzubauen, die auch nach Projektabschluss erhalten bleiben.
Der Offshore-Windenergiebau hat zudem eine sicherheitspolitische Dimension, die von regionalen Entscheidungsträgern hervorgehoben wird. Westpommern deckt bereits über 120 % seines eigenen Strombedarfs aus erneuerbaren Energien – das Vierfache des nationalen Durchschnitts – und Offshore-Wind wird als stabile inländische Ergänzung zu importierten Brennstoffen betrachtet. Auf dem Baltic Business Forum in Świnoujście erklärte der ehemalige Premierminister und Präsident des Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, dass Polen bis 2040 eine Offshore-Windleistung von 18 bis 20 GW anstrebe und beschrieb Offshore-Wind als die stabilste erneuerbare Energiequelle der Ostsee.
Die ersten Turbinen von Baltic West werden noch Jahre benötigen, das Kabelverlegeschiff existiert derzeit nur als Absichtserklärung, und der Großteil der Lieferkette wird parallel zu den bedienten Projekten aufgebaut. In den nächsten zehn Jahren wird die Küstenlinie um Stettin und Świnoujście zur industriellen Basis für Polens Vorstoß in die Offshore-Windenergie und zum Prüfstein dafür, ob das Land neben der Stromgewinnung auch Fertigungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten nutzen kann.










