
de.wedoany.com-Bericht: Dass Wind- und Solarenergie nur schwer ins Netz integriert werden können, ist in Europa inzwischen zur Normalität geworden. Der britische Klima- und Energiedenkfabrik Ember hat kürzlich einen neuen Bericht veröffentlicht, der darauf hinweist, dass der Schlüssel zur Lösung des Engpassproblems im Stromnetz in der bereits vorhandenen Infrastruktur liegt. In der Regel werden Projekte für erneuerbare Energien als eigenständige Anlagen betrachtet und weniger als Ressourcen, die sich überlagern und so eine höhere saubere Stromerzeugung ermöglichen. Angesichts der wachsenden Nachfrage nach stabiler, grüner Stromerzeugung rücken jedoch Hybridprojekte zunehmend in den Fokus. Dabei birgt die Entwicklung hybrider Erneuerbare-Energien-Projekte an bestehenden Wasserkraftstandorten ein enormes Potenzial und kann als sofortige Lösung zur Entlastung des Stromnetzes und zur Integration von Wind- und Solarenergie dienen.
Sofortige Lösung ohne Eingriffe
In den vergangenen vier Jahren hat Europa zwei Energiekrisen erlebt. Im April dieses Jahres verabschiedete die EU den Aktionsplan „Beschleunigtes Europa“ und betonte, dass die saubere Elektrifizierung der einzige Weg zur Energiesouveränität und zur Verringerung der Auswirkungen von Preisschwankungen bei fossilen Brennstoffen sei. Der Ausbau erneuerbarer Energien und die beschleunigte Elektrifizierung wurden zu strategischen Sicherheitsprioritäten der EU erhoben.
Das Stromnetz jedoch konnte nicht Schritt halten. Ember schätzt, dass bis 2030 zwischen der bestehenden Netzkapazität in Europa und dem erwarteten Zubau an erneuerbarer Stromerzeugungskapazität eine Lücke von mindestens 120 Gigawatt klaffen wird. Zwischen 2026 und 2030 werden die sieben EU-Länder Österreich, Bulgarien, Frankreich, Italien, Portugal, Rumänien und Spanien zusammen 138 Gigawatt neue Wind- und Solarkapazität hinzufügen. Österreich und Bulgarien verfügen bereits über keine freie Netzkapazität mehr, um neue Stromerzeugungsanlagen aufzunehmen, und auch in Portugal und Rumänien stößt der Netzzwischenraum an seine Grenzen.
In den letzten Jahren haben viele europäische Länder aufgrund des starken Anstiegs von Projekten für erneuerbare Energien Schwierigkeiten, das Stromnetz an den Bedarf der neu hinzukommenden erneuerbaren Erzeugungskapazitäten anzupassen – Hauptgrund ist die unzureichende Kapazität.
Daten der Internationalen Energieagentur zeigen, dass die weltweite Warteschlange für den Netzzugang ein Rekordniveau erreicht hat: Mehr als 2500 Gigawatt an Projekten für erneuerbare Energien, Großverbraucher und Energiespeicher sind derzeit aufgrund unzureichender Übertragungsinfrastruktur blockiert. Viele Länder versuchen, die Genehmigungsverfahren durch vereinfachte Prozesse zu beschleunigen, doch die Netzinvestitionen hinken den Investitionen in Erzeugungsprojekte weiterhin weit hinterher.
Der Ausbau des Stromnetzes ist zwar die grundlegende Lösung, aber zeitaufwendig und kostspielig. Vor diesem Hintergrund wird für Länder mit Netzengpässen die Hinzufügung von Wind- und Solarkapazität an den Netzanschlusspunkten bestehender Wasserkraftwerke – sogenannte „Hybrid-Wasserkraft“-Projekte – zu einer sofortigen Lösung ohne Eingriffe.
Steigerung der Netzanbindungsauslastung
Derzeit erfreut sich die „Wasser-Wind-Solar-Mehrfachergänzung“ zunehmender Beliebtheit. Als neues Modell der kombinierten Energieerzeugung nutzt sie die flexible Regulierungsfähigkeit der Wasserkraft, um die Fluktuation und Volatilität der Wind- und Solarenergie auszugleichen und so eine großflächige, hohe Integration zu erreichen. Elizabeth Cremona, Leiterin der Energieinfrastruktur bei Ember, erklärte, dass „Hybrid-Wasserkraft“-Projekte die Auslastung bestehender Netzanschlüsse nahezu verdoppeln könnten, wodurch Investitionen in den Netzausbau reduziert würden.
„Ein beschleunigter Netzausbau ist entscheidend, aber das braucht Zeit“, betonte Elizabeth Cremona. „‚Hybrid-Wasserkraft‘-Projekte erschließen zusätzliche Kapazität im bestehenden Netz, indem sie über gemeinsame Infrastruktur mehr sauberen Strom schneller anschließen – das heißt, die vorhandene Infrastruktur wird besser genutzt, wodurch erneuerbare Energien schneller angebunden werden können, mit zuverlässigerer Stromeinspeisung und geringeren Netzzugangskosten.“
Der Exekutivdirektor der Internationalen Energieagentur, Fatih Birol, bezeichnete Wasserkraft als den „vergessenen Giganten der Stromerzeugung“ und wies darauf hin, dass Wasserkraft als drittgrößte Stromquelle der Welt ein enormes Potenzial habe, das jedoch in den meisten Ländern übersehen werde. Durch die Entwicklung von „Hybrid-Wasserkraft“-Projekten könne die Erzeugung erneuerbarer Energien am selben Standort maximiert werden.
Laut Ember-Daten verfügt die EU derzeit über eine installierte Wasserkraftkapazität von 131 Gigawatt; die sieben genannten EU-Länder kommen zusammen auf 93 Gigawatt, was einem Anteil von 71 Prozent entspricht. Die Wasserkraftwerke dieser sieben EU-Länder könnten unter Nutzung der bestehenden Netzanschlussbedingungen zusätzlich 25 Gigawatt Wind- und Solarkapazität aufnehmen und wären bis 2030 in der Lage, 18 Prozent der erwarteten neuen erneuerbaren Erzeugungskapazität zu integrieren.
Laut Oil Price berichtet, ist das Tamega-Projekt in Portugal ein großes hybrides Erneuerbare-Energien-Projekt, das Wasserkraft, Windkraft und Energiespeicherung vereint. Das Tamega-Wasserkraftwerk ist eines der größten Pumpspeicherprojekte Europas mit einer installierten Leistung von 880 Megawatt und einer Speicherkapazität von 21 Gigawattstunden. Der zugehörige Windpark wird in Hybridform entwickelt und direkt an die mit dem Tamega-Wasserkraftwerk verbundene Umspannstation angeschlossen, wodurch eine komplementäre Steuerung von Wind, Solar und Wasser ermöglicht wird.
Bedarf an gezielter politischer Unterstützung
Allerdings ist zu beachten, dass von den sieben EU-Ländern nur Spanien und Portugal – 2020 bzw. 2022 – spezielle Vorschriften für Hybridprojekte eingeführt und die politischen Rahmenbedingungen kontinuierlich weiterentwickelt haben. In Spanien erhalten hybride Netzzugangsgenehmigungen Vorrang beim Netzanschluss, und die finanzielle Sicherheitsleistung kann um 50 Prozent reduziert werden. Portugal hat im Mai dieses Jahres eine Konsultation veröffentlicht, in der geografische Gebiete mit maximalem Hybridisierungspotenzial auf der Grundlage der natürlichen Komplementarität von Wind- und Solarenergie klar ausgewiesen wurden.
Die portugiesische Zeitung Expresso weist darauf hin, dass sich die portugiesische Energiepolitik von der reinen Expansion hin zur Modernisierung und zu hybriden Energiemodellen wandelt. Derzeit verlangsamt sich das Wachstum neuer Windkraftprojekte im Land deutlich; man setzt zunehmend auf die Modernisierung und Leistungserhöhung alter Anlagen, wobei Hybridprojekte zu einem wichtigen Weg zur Steigerung der Netzeffizienz werden.
Branchenkenner sind der Ansicht, dass Fördermaßnahmen auf EU-Ebene die Entwicklung von „Hybrid-Wasserkraft“-Projekten weiter vorantreiben könnten. Die Europäische Kommission arbeitet derzeit an der gesetzgeberischen Umsetzung der Definitionen für Hybridprojekte und Hybridisierung im „Vorschlag zur Beschleunigung von Genehmigungsverfahren“ – ein Kernbestandteil des „EU-Netzpakets“, das darauf abzielt, die Infrastrukturengpässe des europäischen Energiesystems durch beschleunigte Genehmigungsverfahren zu überwinden.
Bekanntlich hat die EU zuvor die Erneuerbare-Energien-Richtlinie verabschiedet. Nach dem aktuellsten Revisionsentwurf werden die Modernisierung und Hybridisierung bestehender Anlagen für erneuerbare Energien ausdrücklich als einer der Fälle aufgeführt, auf die beschleunigte Genehmigungsverfahren Anwendung finden. Dies schafft eine klare rechtliche Definition für Hybridprojekte und bedeutet, dass Hybridisierungsprojekte, bei denen neue Energien wie Wind- und Solarenergie in bestehende Erzeugungsanlagen wie Wasserkraftwerke integriert werden, nicht länger den traditionellen Genehmigungsregeln unterliegen, die für Einzeltechnologieprojekte konzipiert sind.









