de.wedoany.com-Bericht: Die Energiewende treibt die Nachfrage nach kritischen Mineralien wie Lithium kontinuierlich in die Höhe, doch die mit dem großflächigen Abbau verbundenen Umwelt- und sozialen Kosten lösen branchenintern und -extern tiefgreifende Reflexionen aus. Die Elektrifizierung des Verkehrs, der Ausbau erneuerbarer Energien und die weit verbreitete Nutzung von wiederaufladbaren Batterien haben Lithium, eine einst relativ randständige Ressource, zu einem Schlüsselelement für eine kohlenstoffarme Wirtschaft gemacht. Doch der Gewinnungsprozess selbst stellt eine Herausforderung dar.
Der Lithiumabbau offenbart ein komplexes Paradoxon. Schätzungen zufolge werden für die Produktion einer Tonne Lithium bis zu zwei Millionen Liter Wasser benötigt, während der Großteil der weltweiten Lithiumversorgung aus trockenen Regionen des sogenannten „Lithium-Dreiecks" (Argentinien, Bolivien und Chile) stammt, wo das Metall aus unterirdischen Salzlaken durch Verdunstung gewonnen wird. Diese Methode gibt Anlass zur Sorge um hochgelegene Grundwasserleiter und Feuchtgebietsökosysteme, die für die Biodiversität und Gemeinschaften, die auf knappe Wasserressourcen angewiesen sind, von entscheidender Bedeutung sind. In der chilenischen Atacama-Wüste beispielsweise haben die damit verbundenen Aktivitäten bereits die Aufmerksamkeit von Umweltschützern auf sich gezogen.
Ähnliche Spannungen gibt es auch in Europa. Das Lithiumprojekt San José de Valdeflórez in Cáceres, Spanien, stößt aufgrund seiner Nähe zur Stadt und potenzieller Umweltauswirkungen auf starken gesellschaftlichen Widerstand, obwohl das Projekt bereits auf Untertagebau umgestellt hat und emissionsmindernde Technologien plant. In Portugal sorgt das Lithiumprojekt in Covas do Barroso in der Region Barroso für Proteste von Anwohnern und Umweltschützern, da die Gegend von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) als traditionelles Agrar- und Weidesystem anerkannt ist – und das, obwohl die portugiesische Regierung das Projekt als strategisches nationales Gut betrachtet.
Ester Boixereu, Geologin und Forscherin am Spanischen Institut für Geologie und Bergbau (IGME-CSIC), weist darauf hin, dass wir uns derzeit in einem technologischen Paradigmenwechsel befinden, bei dem die auf der Verbrennung fossiler Brennstoffe basierende Technologie durch wiederaufladbare Batterietechnologie ersetzt werden muss. Sie erklärt, dass das Problem darin liege, dass dieser Wandel große Materialmengen erfordere und die auf Lithium-Ionen basierende Technologie derzeit die industriell und kommerziell praktikabelste Lösung sei. Sie betont, dass genügend Lithium aus dem Boden gefördert werden müsse, um neue Batterien herzustellen, weist aber auch darauf hin, dass der europäische Bergbau in den letzten Jahren Fortschritte in der ökologischen Nachhaltigkeit gemacht habe und der globale Nutzen der Ablösung von Kohlenwasserstoffen durch erneuerbare Energietechnologien langfristig unbestritten sei.
Die Abhängigkeit von Mineralien wie Lithium hat die Diskussion von der Klima- auf die geopolitische Ebene verlagert. China dominiert Schlüsselbereiche der globalen Batterie-Wertschöpfungskette, darunter die Materialveredelung und die Endfertigung. Europa hingegen versucht, seine Abhängigkeit durch Initiativen wie den European Critical Raw Materials Act zu verringern und Projekte zu fördern, die als strategisch wichtig für die Versorgungssicherheit gelten. Pedro Fresco, Generaldirektor des Verbands der Energieunternehmen der Region Valencia (Avaesen), hält es jedoch für widersprüchlich, von strategischer Autonomie zu sprechen, aber nicht bereit zu sein, Mineralien im eigenen Land zu gewinnen. Er stellt klar, dass das Problem nicht der Bergbau an sich sei, sondern die Art und Weise des Abbaus; Europa habe strenge Umweltauflagen, die einen Abbau mit minimalen Auswirkungen gewährleisten könnten. Gleichzeitig warnt er, dass gesellschaftliche Ablehnung nicht nur Lithium betreffe, sondern auch Infrastruktur wie erneuerbare Energien und Stromleitungen. Die Lithiumproduktion könne durch Transparenz, Beteiligung und eine gerechte Verteilung der Vorteile gesteuert werden, um die Auswirkungen auf die Abbauregionen zu mildern.
Das Recycling von Lithium ist technisch machbar, aber Pedro Fresco weist darauf hin, dass in Spanien lithiumhaltige Abfälle derzeit in der Regel nicht recycelt, sondern exportiert werden, und dass es Jahrzehnte dauern werde, um eine ausreichend große Recyclinginfrastruktur aufzubauen. Gleichzeitig zeichnen sich Alternativen wie Natrium-Ionen-Batterien ab. Óscar Miguel Crespo, stellvertretender Direktor von CIDETEC Energy Storage, erklärt, dass Natrium-Ionen-Batterien die Abhängigkeit von kritischen Metallen wie Lithium, Kobalt oder Nickel vermeiden könnten. Er erläutert, Natrium sei reichlich vorhanden und gelte nicht als kritischer Rohstoff, die Technologie befinde sich jedoch noch in einem frühen Stadium und habe eine geringere Energiedichte, sodass sie Lithium nicht vollständig ersetzen könne. Sie könnte in stationären Energiespeichersystemen oder kleinen Stadtfahrzeugen zum Einsatz kommen und so dazu beitragen, die Abhängigkeit von Lithium zu verringern, ohne es jedoch vollständig zu ersetzen.
Europa setzt auf digitale Werkzeuge, um die Transparenz der Lieferkette zu erhöhen. Die EU plant die Einführung eines digitalen Batteriepasses ab 2027, der für bestimmte Batteriekategorien über einen QR-Code Informationen zu Materialherkunft, Recyclinganteil und Umweltfußabdruck bereitstellt. Die IGME-CSIC-Forscherin Ester Boixereu ist der Ansicht, dass diese Maßnahme die Wettbewerbsfähigkeit Europas stärken und verhindern könne, dass Produkte aus Regionen mit laxen Umwelt- oder Arbeitsvorschriften preislich mit europäischen Produkten konkurrieren. Pedro Fresco warnt hingegen, dass das Instrument sowohl ein Wettbewerbsvorteil als auch reine Bürokratie werden könne; seine Wirkung hänge von der korrekten Umsetzung ab.
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