de.wedoany.com-Bericht: Das Mercedes-Benz-Werk in Kecskemét, Ungarn, wurde erweitert und kann nun jährlich rund 350.000 Fahrzeuge produzieren – eine Verdopplung der bisherigen Kapazität. Durch das Erweiterungsprojekt entstanden rund 3.000 neue Arbeitsplätze, sodass die Gesamtzahl der Beschäftigten im Werk auf über 5.000 stieg.

Die Erweiterung ist nicht nur eine Kapazitätssteigerung. Mercedes-Benz macht Kecskemét zu einer der tragenden Säulen seines Produktionsnetzwerks, das je nach Nachfrage und Marktbedingungen Modelle und Stückzahlen flexibel auf verschiedene Werke verteilen kann. Neben der neuen elektrischen C-Klasse plant das Unternehmen, im ungarischen Werk auch den elektrischen GLC und die künftige kompakte G-Klasse zu produzieren. Ziel ist es, eine flexible Produktionsachse zwischen Kecskemét und den deutschen Werken zu schaffen, die es erlaubt, bestimmte Modelle zwischen den Standorten zu verlagern oder gemeinsam zu fertigen.
Michael Schiebe, Produktionsvorstand von Mercedes-Benz, erklärte, dass man so Modelle an verschiedenen Standorten flexibel produzieren und sich schnell an Marktanforderungen und externe Faktoren anpassen könne, was das globale Produktionsnetzwerk widerstandsfähiger mache. Ein strategischer Kernpunkt ist die stärkere Integration von Wertschöpfungsstufen innerhalb des Industriekomplexes. Die Erweiterung umfasst neue Montage- und Karosseriehallen, eine zweite Presshalle, eine neue Lackiererei sowie eine Batteriemontagelinie.
Mercedes-Benz-CEO Ola Källenius sagte bei der Einweihung der erweiterten Produktion, dass die lokale Fertigung von Kernkomponenten wie Batterien eine schnellere und flexiblere Reaktion auf die Nachfrage ermögliche – genau das mache Kecskemét zu einem entscheidenden Standort der Zukunft. Dieses Vorgehen folgt der „local-for-local"-Strategie des Konzerns. Mercedes-Benz plant, den Anteil der lokal produzierten Fahrzeuge in den Absatzregionen bis 2027 von derzeit 60 % auf rund 70 % zu erhöhen, um Transportwege zu verkürzen und die Abhängigkeit von Logistik sowie externen Störungen zu verringern.
Das Werk kann bereits Fahrzeuge mit unterschiedlichen Antriebssystemen auf derselben Linie fertigen und das Verhältnis zwischen Elektro- und Verbrennermodellen flexibel anpassen. Diese Flexibilität ist besonders wichtig angesichts der anhaltend ungleichen Nachfrage nach Elektrofahrzeugen in verschiedenen Märkten. Durch den Verzicht auf spezielle Produktionslinien für eine einzige Technologie will der Hersteller die Risiken schneller Nachfrageverschiebungen minimieren.
Mercedes-Benz hat Flexibilität zu einem der Kernpfeiler seiner Industriestrategie erklärt. Mithilfe digitaler Werkzeuge werden Modellwechsel, Anlaufzeiten und Umrüstungsanforderungen zwischen den Werken simuliert, bevor die Produktionslinien tatsächlich umgestellt werden. Das Werk in Kecskemét ist in das MO360-Ökosystem für digitale Produktion integriert, das Daten, Anlagen und industrielle Prozesse vernetzt. Vor der Erweiterung wurde das Werk mit einem digitalen Zwilling auf Basis von NVIDIA Omniverse simuliert, um Produktionslinienkonfigurationen, Materialflüsse und Anlageninteraktionen vor der Installation zu testen. In der Qualitätskontrolle kommen KI-gestützte Bilderkennungssysteme zum Einsatz, die Anomalien identifizieren und die Fahrzeugprüfung während der Produktion unterstützen. Die „Digital-First"-Strategie soll es ermöglichen, Modellverschiebungen zwischen den Werken zu planen und Prozessänderungen zu testen, ohne die laufende Produktion wesentlich zu unterbrechen.
Die Erweiterung umfasst auch neue Investitionen in die Energieeffizienz des Werks. Die installierte Photovoltaik-Leistung am Standort beträgt nun 42,3 MWp, darunter ein Solarkraftwerk auf 240.000 Quadratmetern mit 27,4 MWp sowie Solarpaneele auf den Dächern der neuen Batteriemontage-, Karosserie- und Montagehallen. Laut Mercedes-Benz soll diese Kapazität rund 25 % des jährlichen Energiebedarfs des Werks decken. Die neue Lackiererei verbraucht etwa 20 % weniger Energie als die alte, die damit verbundenen CO₂-Emissionen sinken um rund 80 %. Das Unternehmen nannte zudem Investitionen zur Senkung des Wasserverbrauchs und des Produktionsabfalls.
Mit einer Fläche, die von rund 200 auf 440 Hektar gewachsen ist, könnte Kecskemét zum größten Mercedes-Benz-Werk in Europa und zum zweitgrößten im globalen Netzwerk werden. Die Erweiterung des ungarischen Werks erfolgt zu einer Zeit, in der die europäische Automobilindustrie unter hohem Druck steht: hohe Produktionskosten, unsichere Nachfrage und zunehmender Wettbewerb durch asiatische Hersteller. Mercedes-Benz selbst räumt ein, seine Kostenbasis anzupassen, und plant, die Produktionskosten bis 2027 um rund 10 % zu senken. Im Februar 2025 gab das Unternehmen an, dass die sogenannten Produktionsfaktorkosten in Kecskemét rund 70 % niedriger seien als in Deutschland.
Trotz der Kapazitätssteigerung in Ungarn erklärte der Hersteller, keine Schließung deutscher Werke zu planen. Die Strategie bestehe darin, die Auslastung der deutschen Werke zu balancieren und gleichzeitig das europäische Produktionsnetzwerk flexibler zu nutzen. Die Erweiterung in Kecskemét zeigt, dass die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Automobilindustrie neu definiert wird. Hersteller verlagern die Produktion nicht mehr einfach in kostengünstigere Standorte, sondern streben eine Kombination aus Marktnähe, Komponentenintegration, technischer Flexibilität, Digitalisierung und der Fähigkeit an, schnell auf Schwankungen zu reagieren. Für Mercedes-Benz vereint das ungarische Werk nun all diese Dimensionen in einem Industriekomplex und spielt eine immer wichtigere Rolle in der künftigen europäischen Lieferkettenstruktur.










