de.wedoany.com-Bericht: Der französische Telekommunikationsanbieter Orange und die neuseeländische Infrastruktur-Vermögensverwaltungsgesellschaft Morrison gaben am Montag den Abschluss einer exklusiven Vereinbarung zur Gründung eines gemeinsam kontrollierten Rechenzentrums-Joint-Ventures in Frankreich bekannt. Das Gemeinschaftsunternehmen basiert auf einem Investitionsplan in Höhe von 3 Milliarden Euro, der Vermögenswerte von Orange, Eigenkapital von Morrison und Fremdfinanzierung kombiniert. Die angestrebte Betriebskapazität beträgt 400 Megawatt, etwa das Zehnfache der aktuellen Betriebskapazität von Orange.

Gemäß der Vereinbarung wird Orange seine fünf Rechenzentren in Frankreich in die neue Einheit einbringen, während Morrison Eigenkapitalfinanzierung bereitstellt, um die Plattform auf dieser Basis auszubauen. Die beiden Unternehmen betrachten diese Transaktion als ein „Souveränitätsprodukt", das die europäische digitale Souveränität stärken und die schnell wachsende Nachfrage von Orange- und Orange-Business-Kunden nach Cloud- und KI-Diensten bedienen soll. Beide Seiten betonten zudem, dass der französische Strom zu den emissionsärmsten Stromsystemen Europas zähle.
Die Eigentümerstruktur des Joint Ventures weist einen komplexen Aspekt auf. Morrison, ein 1988 gegründetes Infrastruktur-Vermögensverwaltungsunternehmen mit Hauptsitz in Wellington, Neuseeland, hält Beteiligungen an Infratil, dem britischen Betreiber Kao Data, CDC Data Centres und Vodafone Neuseeland. Dies bedeutet, dass die Hälfte der Anteile an diesem neuen französischen „souveränen" Rechenzentrumsunternehmen von einer neuseeländischen Fondsverwaltungsgesellschaft kontrolliert wird. Eine solche Beteiligungsstruktur ist bei europäischen Infrastrukturtransaktionen nicht ungewöhnlich, verkompliziert jedoch die Darstellung der „Souveränität".
Das Joint Venture ist das Ergebnis eines Prozesses, den Orange im vergangenen Jahr eingeleitet hatte. Damals plante Orange, durch den Verkauf einer Minderheitsbeteiligung an seinem französischen Rechenzentrumsgeschäft bis zu 500 Millionen Euro zur Finanzierung von KI-Investitionen einzunehmen. Laut einem Bericht von Telecompaper unter Berufung auf L'Informe setzte sich Morrison im Bieterverfahren gegen Vauban Infrastructure Partners und Macquarie als bevorzugter Käufer durch. Der Umfang der nun angekündigten Transaktion übersteigt den eines reinen Minderheitsverkaufs bei weitem; Orange erhält letztlich eine gemeinsam kontrollierte Wachstumsplattform und nicht nur eine reine Kapitaleinlage, was auf eine strategische Neuausrichtung im Laufe des Prozesses hindeutet.
Branchenexperten zufolge ist die Kapazität ein harter Engpass für die KI-Entwicklung in Europa, und 400 Megawatt stellen einen signifikanten Zuwachs dar. Studien warnen, dass Europas souveräne KI-Ambitionen aufgrund von Kapazitätsengpässen bei Rechenzentren ins Stocken geraten könnten. Derzeit kontrollieren AWS, Microsoft Azure und Google Cloud gemeinsam rund 70 % des europäischen Cloud-Marktes. Das EU-Gesetz zur Cloud- und KI-Entwicklung zielt darauf ab, die Kapazitäten in der EU in den nächsten fünf bis sieben Jahren mindestens zu verdreifachen, um dieser Konzentration entgegenzuwirken.
Es gibt Kontroversen darüber, ob die zusätzlichen europäischen Kapazitäten in echte Unabhängigkeit umgewandelt werden können. Kritiker argumentieren, dass GPU-as-a-Service-Vereinbarungen die Illusion europäischer KI-Souveränität verstärken, da die zugrunde liegenden Chips und der Großteil des Software-Stacks unabhängig vom physischen Standort der Racks weiterhin aus den USA stammen.
Aus politischer Sicht haben die Technologie-Souveränitätspläne der EU Maßnahmen ergriffen, um die Abhängigkeit von US-Clouds zu verringern und die Chip-Strategie neu zu starten, was einen Aufschlag für lokalisierte Kapazitäten schafft. Im Energiebereich verlangt Brüssel von großen Technologieunternehmen, KI-Rechenzentren mit den Klimazielen in Einklang zu bringen, was das überwiegend auf Kernkraft basierende französische Stromnetz zu einem bedeutenden Wettbewerbsvorteil macht.
Derzeit handelt es sich lediglich um eine exklusive Vereinbarung. Die beiden Unternehmen erwarten, die endgültige Vereinbarung bis Ende 2026 zu unterzeichnen und die Transaktion im ersten Quartal 2027 abzuschließen, vorbehaltlich der Anhörung der Arbeitnehmervertretungen und der behördlichen Genehmigung. Darüber hinaus verfolgt Orange auch auf anderen Wegen Kapazitäten und hat sich im Mai gemeinsam mit Iliad um ein 10-Milliarden-Euro-Projekt für eine EU-KI-Gigafabrik in Frankreich beworben. Analysten zufolge hat der Telekommunikationsanbieter Orange beschlossen, den Besitz von Recheninfrastruktur als Kerngeschäft und nicht als Nebengeschäft zu betrachten. Die entscheidende Kennzahl ist nicht die 3 Milliarden Euro, sondern die 400 Megawatt, da die in ganz Europa angekündigten Zielkapazitäten oft die tatsächlich realisierten Kapazitäten übersteigen und der Netzanschluss – nicht die Finanzierung – zum eigentlichen Engpass geworden ist.










