de.wedoany.com-Bericht: Im Jahr 2026 hat die Entwicklung von KI-Agenten die Schwelle des „bloßen Redens" überschritten und ist in eine neue Phase des „Handelns" eingetreten. Dies zwingt zu einem grundlegenden Wandel der Kernfrage von Unternehmenssoftware: Software ist nicht länger nur ein Werkzeug zur Aufzeichnung von Geschäftsprozessen, sondern entwickelt sich zu einem „digitalen Mitarbeiter", der an der Geschäftsausführung teilnehmen und sogar eigenständige Entscheidungen treffen kann. Liu Zhongwen, Vizepräsident von Kingdee China und General Manager des Forschungs- und Entwicklungszentrums, wies in einem Interview mit der „China Information Weekly" darauf hin, dass die Branche eine vollständige Neustrukturierung durchlaufen werde. Die Chance liege darin, wer als Erster die zukünftige Form von Unternehmenssoftware von Grund auf neu denke.
KI-Agenten erzwingen einen grundlegenden Paradigmenwechsel bei Unternehmenssoftware
Angesichts der aktuellen Situation der Unternehmenssoftwarebranche erklärte Liu Zhongwen: „In den letzten Jahrzehnten hat sich Unternehmenssoftware hauptsächlich mit der Digitalisierung von Geschäftsprozessen und Abläufen befasst. Im Kern ging es darum, Unternehmen zu helfen, ihre Geschäfte in Systeme zu verlagern. Im Zeitalter der Agenten beginnt Software jedoch, Fähigkeiten zum Verstehen, Entscheiden und Ausführen zu entwickeln. Sie ist nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern wird zu einem Teilnehmer im betrieblichen Ökosystem eines Unternehmens."
Dieser Wandel zwingt die gesamte Branche dazu, das Wesen von Software neu zu überdenken. Bisher bestand die Kernaufgabe von Unternehmenssoftware darin, „aufzuzeichnen" und „weiterzuleiten", also Offline-Geschäfte online zu bringen und Prozesse reibungsloser zu gestalten. Doch mit dem Aufkommen von KI-Agenten hat Software erstmals die Fähigkeit, eigenständig Aufgaben zu erledigen. Sie kann ein Geschäftsziel verstehen, selbstständig Systeme aufrufen, Daten analysieren und Aktionen ausführen.
Liu Zhongwen räumte ein, dass Kingdee dabei „ein Gefühl der Krise, aber auch der Begeisterung" verspüre. Die Krise rühre von der unvermeidlichen Neustrukturierung der Branche, die Begeisterung von den Chancen, die Kingdee sehe. Der Bereich der Unternehmensverwaltungssoftware biete eine Fülle realer Geschäftsszenarien, Prozessregeln, Organisationswissen und Betriebsdaten – genau die Grundlagen, auf die Agenten zur Wertschöpfung angewiesen seien. „Daher hat Kingdee nicht einfach KI-Funktionen auf bestehende Produkte aufgesetzt, sondern sich dafür entschieden, die zukünftige Form von Unternehmenssoftware von Grund auf neu zu denken."
Kingdees Cloud-Transformation im letzten Jahrzehnt löste das Problem der Software-Bereitstellungsweise – von lokaler Installation hin zu Cloud-Abonnements. Liu Zhongwen stellte jedoch klar, dass die Tiefe dieser Veränderung weit über die Cloud-Transformation hinausgehe. Die Cloud-Transformation verändere die Art der Bereitstellung und des Betriebs, während die KI-native Transformation den Betrieb des Unternehmens selbst und die Mensch-Maschine-Beziehung verändere. Aus dieser Einschätzung heraus hat Kingdee in den letzten zwei Jahren konsequent die KI-native Transformation vorangetrieben: von der Einbettung von KI-Fähigkeiten über den Aufbau eines KI-Systems für das Unternehmensmanagement bis hin zur offiziellen Veröffentlichung des KI-Betriebssystems für Unternehmen „Lingji" im Mai 2026. Dieser Weg sei keine Funktionsanhäufung, sondern der Neuaufbau einer grundlegenden Architektur für das Zeitalter der intelligenten Agenten.
Warum ist die großflächige Einführung von KI in Unternehmen immer noch ein Problem?
Aus Liu Zhongwens Sicht steht die Einführung von KI in Unternehmen vor drei konkreten Herausforderungen. Erstens die Komplexität der Unternehmensszenarien. Unternehmen seien keine persönlichen Werkzeugumgebungen. Es gebe Organisationsstrukturen, Berechtigungsgrenzen, Geschäftsregeln, finanzielle Beschränkungen, Prüfungsanforderungen und abteilungsübergreifende Zusammenarbeit. Damit KI Aufgaben wirklich erledigen könne, müsse sie die Geschäftssemantik verstehen und in Prozesse und Daten eingebunden werden. Zweitens müssten die Ergebnisse messbar sein. Kunden würden nicht nur dafür bezahlen, dass „KI intelligent ist", sondern konkrete Verbesserungen bei der Prüfungseffizienz, der Abrechnungseffizienz oder der Entscheidungseffizienz sehen wollen. Drittens sei die Steigerung der individuellen Effizienz nicht gleichbedeutend mit einer Steigerung der Organisationseffizienz. Was Unternehmen wirklich bräuchten, sei nicht eine Vielzahl von KI-Tools, sondern ein Mechanismus, der KI und Organisation zusammenarbeiten lasse, sodass Wissen, Erfahrung und Fähigkeiten kontinuierlich gesammelt und wiederverwendet werden könnten.
Der Schlüssel zur Lösung dieser Probleme liege nicht in der Einführung funktionsreicherer KI-Assistenten oder Tool-Sets, sondern im Aufbau grundlegender Fähigkeiten, die es KI ermöglichen, wirklich in den Geschäftsbetrieb einzusteigen. Dazu gehörten das Verständnis der Geschäftssemantik, die Einhaltung von Organisationsberechtigungen und Prozessregeln sowie die Rückverfolgbarkeit und Prüfbarkeit von Ausführungsergebnissen. Dies unterscheide sich grundlegend von der Logik der letzten Jahre, bei der Unternehmensdigitalisierung „zuerst Systeme aufbaute und dann Prozesse laufen ließ". Das Zeitalter der intelligenten Agenten erfordere ein völlig neues Paradigma: „KI versteht das Geschäft, KI wird in Prozesse eingebettet, KI arbeitet innerhalb eines Governance-Rahmens."
Liu Zhongwen erläuterte, dass Kingdee im Mai dieses Jahres das KI-Betriebssystem für Unternehmen „Lingji" auf den Markt gebracht habe. Der Kerngedanke seiner technischen Architektur ziele genau auf die oben genannten Branchenprobleme ab. Es versuche, durch eine einheitliche Betriebssystemschicht die Probleme der semantischen Verständigung zwischen KI und Unternehmensgeschäft, der Berechtigungsanpassung, der Prozessdurchgängigkeit und der Governance-Compliance zu lösen. Er betonte jedoch auch, dass Kingdee dies nicht allein bewältigen könne. „Lingji" habe sich dafür entschieden, einen Skill-Markt, einen Agenten-Markt und offene Protokolle als Teil seiner Architektur zu integrieren. Im Kern versuche man, ein Ökosystem zu schaffen, an dem mehrere Parteien beteiligt seien und das Fähigkeiten bereitstelle. „Was Unternehmen in Zukunft brauchen, sind nicht mehr einzelne KI-Tools, sondern ein grundlegendes Betriebssystem, das es KI ermöglicht, das Geschäft zu verstehen, auszuführen und kontinuierlich zu wachsen", sagte Liu Zhongwen. „Diese Aufgabe erfordert die gemeinsame Erkundung der gesamten Branche und kann nicht von einem einzelnen Unternehmen hinter verschlossenen Türen gelöst werden."
Vom Verkauf von Werkzeugen zum gemeinsamen Aufbau von Unternehmensintelligenz: Eine industrielle Revolution, die weit über die Cloud-Transformation hinausgeht
Die Veröffentlichung von Lingji ist nicht nur die Markteinführung eines Kingdee-Produkts; sie spiegelt Kingdees Einschätzung der gesamten Branchenentwicklung wider. Liu Zhongwen ist der Ansicht, dass Unternehmenssoftware im Zeitalter der intelligenten Agenten drei Ebenen von Veränderungen durchlaufen werde.
Erstens werde sich der Zugang zu Unternehmenssoftware ändern. Bisher hätten Benutzer Software über Menüs, Formulare und Prozessstarts betreten; in Zukunft würden sie ihre Absichten eher über natürliche Sprache äußern, und KI werde Systeme, Daten, Werkzeuge und Agenten aufrufen, um Aufgaben zu erledigen.
Zweitens werde sich der Wert von Unternehmenssoftware ändern. Bisher habe Software hauptsächlich die Prozesseffizienz gesteigert; in Zukunft werde KI die Entscheidungsqualität, die Effizienz der organisatorischen Zusammenarbeit und die Betriebsergebnisse weiter verbessern. Software sei nicht mehr nur ein Werkzeug, sondern ein Teil der Unternehmensintelligenz.
Drittens werde sich Kingdees eigene Rolle ändern. In der Cloud-Transformationsphase habe Kingdee Unternehmen von lokalen Installationen zu Cloud-Abonnements geführt; im Zeitalter der intelligenten Agenten werde Kingdee Unternehmen von digitalen Systemen zu KI-nativen Organisationen führen. Liu Zhongwen fasste es in einem Satz zusammen: „Früher lieferten wir Systeme und Prozesse; in Zukunft werden wir betriebsfähige, steuerbare und entwicklungsfähige Unternehmensintelligenz liefern."
Diese Veränderungen stellen auch neue Anforderungen an die Geschäftsmodelle von Unternehmenssoftware. Da KI zunehmend an Unternehmensprozessen teilnimmt, legen Kunden mehr Wert auf den betrieblichen Nutzen, die Effizienzsteigerung und die Geschäftsergebnisse, die KI bringt, und nicht nur auf die Softwarefunktionen selbst. Dies bedeutet, dass Anbieter von Unternehmenssoftware kontinuierlich neue, dem KI-Zeitalter entsprechende Geschäftsmodelle rund um den Kundennutzen erkunden müssen. Wenn die „Nutzungsmenge" nicht mehr der alleinige Maßstab für den Wert ist, werden sich die Geschäftsmodelle von Unternehmenssoftware weiterentwickeln. Kingdee erkundet derzeit den Wandel vom „Verkauf von Werkzeugen" hin zur „Lieferung von Ergebnissen". Liu Zhongwen betonte, dass die zentrale Herausforderung nicht nur im technologischen Durchbruch liege, sondern auch darin, KI wirklich in den Geschäftsbetrieb zu integrieren und direkte Verantwortung für Effizienz, Qualität und Governance-Ergebnisse zu übernehmen.
Der Wandel des Geschäftsmodells erfordert auch eine Öffnung des Ökosystems. In der sechsschichtigen Architektur von Lingji ermöglicht die „Markt- und Ökosystemschicht" über den Skill-Markt, den Agenten-Markt und offene Protokolle Unternehmen, Einzelpersonen und Ökosystempartnern die Teilnahme an der Wertschöpfung und der Weiterentwicklung von Fähigkeiten. Liu Zhongwen fasste zusammen: „Was Unternehmen in Zukunft brauchen, sind nicht mehr einzelne KI-Tools, sondern ein grundlegendes Betriebssystem, das es KI ermöglicht, das Geschäft zu verstehen, auszuführen und kontinuierlich zu wachsen."
Am Ende des Interviews sagte Liu Zhongwen: „Unternehmenssoftware im Zeitalter der intelligenten Agenten wird sich von der ‚Prozessdigitalisierung' zur ‚Organisationsintelligenz' entwickeln. Kingdees Rolle entwickelt sich dabei schrittweise vom ‚Werkzeuganbieter' zum ‚Mitgestalter der Unternehmensintelligenz'."










