de.wedoany.com-Bericht: Deutschland und Österreich setzen zunehmend auf innovative, partnerschaftliche Modelle wie die Integrierte Projektabwicklung (Integrated Project Delivery, IPD), um die Grenzen traditioneller Auslieferungsmodelle bei großen, komplexen Infrastrukturprojekten wie dem Tunnelbau zu überwinden. Diese Modelle zielen darauf ab, Konflikte, Nachträge und Ineffizienzen zu vermeiden, die durch traditionelle Leistungsverzeichnisse und preisorientierte Ausschreibungsverfahren häufig entstehen. Sie bewältigen komplexe Risikoprofile, lange Bauzeiten und hohe Unsicherheiten bei Kosten- und Terminprognosen durch kooperative Ansätze.

Das IPD-Modell und seine Varianten, wie die Kollaborative Projektabwicklung (Collaborative Project Delivery, CPD) oder das in Österreich häufig verwendete „Allianzmodell“, folgen trotz unterschiedlicher Bezeichnungen (z. B. „PM Railway“ der Deutschen Bahn, „Progressiver Partnervertrag Tiefbau (PPT)“ der Amprion GmbH oder „IPD-Kompaktmodell“ des Freistaats Bayern) alle dem zentralen Leitprinzip „Best for Project“, bei dem der Projekterfolg Vorrang vor individuellen Interessen hat. Ziel ist eine kooperative, transparente und ergebnisorientierte Zusammenarbeit, die gleichzeitig Kosteneffizienz, Qualität und Termintreue fördert.
Die Umsetzung des IPD-Modells basiert auf mehreren Schlüsselprinzipien: Angleichung der wirtschaftlichen Interessen von Auftraggeber und Auftragnehmer durch ein anreizbasiertes Vergütungsmodell mit gemeinsamen Zielkosten, offenen Büchern sowie Bonus-Malus-Regelungen; Einführung eines gemeinsamen Kosten- und Risikomanagements mit probabilistischen Simulationen zur Ermittlung realistischer Zielkosten; Aufbau einer kooperationsorientierten Kultur durch transparentes Konfliktmanagement; Einführung eines integrierten Projektmanagements und gemeinsamer Projektverantwortung, bei dem alle Beteiligten gemeinsam entscheiden; Betonung von Transparenz, Vertrauen und offener Kommunikation; sowie Integration von Kompetenzen durch frühzeitige Einbindung der Schlüsselakteure. Internationale Erfahrungen sowie abgeschlossene IPD- und Allianzprojekte in Österreich zeigen, dass das Modell zur Verbesserung der Kosten- und Terminsicherheit, zur Reduzierung von Projektrisiken und Vertragsstreitigkeiten sowie zur Steigerung von Innovation, Ausführungsqualität und Teamkultur beiträgt.
In Deutschland und Österreich werden derzeit zahlreiche Infrastrukturprojekte nach IPD-Prinzipien ausgeführt, insbesondere Tunnelprojekte. Erfolgreich umgesetzte Beispiele in Österreich sind der Angather Bauwerksstunnel als Teil des Brenner-Nordzulaufs, der Tisis-Erkundungs- und Rettungsstollen des Feldkircher Stadttunnels sowie der Schmitten-Tunnel-Rettungsstollen, der in einer „Light“-Allianz realisiert wurde. Weitere geplante oder in der Ausführung befindliche Projekte umfassen den Landecker Tunnel der A12, die Sanierung der Tauerntunnel und Katschbergtunnel der A10 sowie in Deutschland die Baulose VE734 der zweiten S-Bahn-Stammstrecke München, der Pfaffensteigtunnel der Gäubahn Nord, die Fehmarnbeltquerung und die Rhein- und Elbquerungen der Amprion GmbH.



Die Wirksamkeit dieser Modelle ist nachgewiesen. Eine Studie der Universität der Bundeswehr München (UniBw M) zum ersten Tunnelprojekt in Österreich mit einem Allianzvertrag, dem Gemeinschaftskraftwerk Inn (GKI), bestätigte, dass die kooperative Arbeitsweise und das proaktive Risikomanagement im Allianzvertrag im Vergleich zu Einheitspreisverträgen zu kürzeren Bauzeiten führten. Diese Studienergebnisse und die damit verbundenen Erfahrungen werden systematisch vom IPD Innovation Hub (www.ipd-hub.de) an der Universität der Bundeswehr München aufbereitet. Diese Plattform, die sich auf kollaboratives Baumanagement spezialisiert hat, hat Forschungsergebnisse von über 20 nationalen und internationalen Projekten mit unterschiedlichen Kooperationsmodellen systematisch ausgewertet.



Diese Publikationsreihe plant, weitere Erfahrungen und Projekte zur IPD-Anwendung vorzustellen, mit Schwerpunkt auf Projektabwicklungsmodellen, kritischen Erfolgsfaktoren und übertragbaren Erkenntnissen. Der nächste Artikel wird den Modellstartprozess auf Basis des Progressiven Partnerschaftsrahmens (Progressive Partnership Framework) erläutern, einschließlich der Vorbereitung, Modellentwicklung und Vertragsgestaltung. Zu den Informationsquellen gehören Forschungsarbeiten von P. Sander et al. in der Zeitschrift „Tunnel“ (2022), M. Spiegl et al. in „Geomechanics and Tunnelling“ (2024, doi: 10.1002/geot.202400050) sowie J. Koch et al. in „THIS – Tiefbau, Hochbau, Ingenieurbau, Straßenbau“ (2024).
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