de.wedoany.com-Bericht: Quantensichere Netzwerke (Quantum-safe networking) bewegen sich vom Labor auf die strategische Agenda von Telekommunikationsbetreibern. Das Marktforschungsinstitut Analysys Mason weist darauf hin, dass die Fortschritte im Quantencomputing schneller als erwartet voranschreiten und die Grundfesten der aktuellen digitalen Sicherheit erschüttern könnten. Cyberkriminelle verfolgen bereits die Strategie „Jetzt sammeln, später entschlüsseln" (harvest now, decrypt later), bei der verschlüsselte Daten gesammelt werden, um sie zu einem späteren Zeitpunkt mit ausgereiften Quantencomputern zu knacken. Selbst wenn die Technologie noch nicht vollständig ausgereift ist, sind sensible Informationen einem Offenlegungsrisiko ausgesetzt.

Angesichts dieser Situation beschleunigen Telekommunikationsbetreiber ihre Investitionen in neue Sicherheitsarchitekturen, um ihre eigenen Systeme zu schützen und Dienstleistungen für Unternehmen und die öffentliche Verwaltung zu entwickeln. Dieser Wandel dreht sich um zwei komplementäre Ansätze: Die Post-Quanten-Kryptographie (Post-Quantum Cryptography, PQC) führt neue Verschlüsselungsalgorithmen ein, die Angriffen von Quantencomputern standhalten, und zielt darauf ab, angreifbare Public-Key-Verschlüsselungssysteme wie RSA und ECC zu ersetzen. Die Quantenschlüsselverteilung (Quantum Key Distribution, QKD) nutzt quantenmechanische Eigenschaften, um Schlüssel über Glasfasern zu verteilen; jeder Abhörversuch verändert den Quantenzustand der Photonen und wird sofort entdeckt. PQC wird derzeit als die leichter skalierbare Lösung angesehen, die hauptsächlich auf Software-Updates basiert und keine grundlegenden Änderungen an der Infrastruktur erfordert. QKD bietet ein höheres Schutzniveau, benötigt jedoch neue Geräte, erhebliche Investitionen sowie technologische Fortschritte in Bezug auf Übertragungsdistanz und Interoperabilität. Die fortschrittlichsten Betreiber experimentieren mit hybriden Architekturen: PQC schützt das gesamte Netzwerk, während QKD für Verbindungen zur Übertragung besonders kritischer Informationen eingesetzt wird.
Laut Analysys Mason werden quantensichere Netzwerke zu einer kommerziellen Chance. Betreiber beginnen, Post-Quanten-Sicherheit in hochwertige Managed Services für den Unternehmensmarkt umzuwandeln. Dazu gehören derzeit hauptsächlich quantensichere VPNs (Vpn quantum-safe), bei denen PQC-Algorithmen in verwaltete Firewalls und virtuelle private Netzwerke integriert werden, sowie sichere Datenzentrums-Verbindungsdienste, die durch eine Kombination von PQC und QKD die sensibelsten Arbeitslasten schützen. Maßnahmen für den Verbrauchermarkt sind noch begrenzt.
Die Wertschöpfungskette für quantensichere Netzwerke umfasst Quantentechnologie-Experten, Optik-Ausrüstungslieferanten, Cybersicherheitsunternehmen, Hyperscale-Cloud-Anbieter und Systemintegratoren. Zu den aktiven Teilnehmern gehören spezialisierte Unternehmen wie Id Quantique, QuantumCtek und Toshiba sowie Infrastrukturhersteller wie Nokia, Huawei, Cisco, Hpe Juniper Networking, Ciena und Adtran. Im Sicherheitsbereich integrieren Palo Alto Networks, Fortinet und Thales Post-Quanten-Algorithmen, während Microsoft, Google, AWS und IBM schrittweise Post-Quanten-Verschlüsselung in ihre Cloud-Dienste und Schlüsselverwaltungstools einführen. Die Vielfalt der Lösungen macht die Rolle der Systemintegratoren entscheidend.
Die Einführungsgeschwindigkeit variiert je nach Region, aber der Markt tritt in die Phase der tatsächlichen Bereitstellung ein. In Asien hat China Telecom ein quantenkommunikationsnetz aufgebaut, das 16 Ballungsräume abdeckt, und plant den Aufbau eines integrierten weltraumgestützten und terrestrischen nationalen Netzwerks bis 2030. SK Telecom setzt QKD auf seinem über 330 km langen 5G-Backbone ein. Singtel bietet Unternehmen Managed Services an, die PQC und QKD kombinieren. In Europa hat BT Group staatlich geförderte Experimente in kommerzielle quantensichere VPNs umgewandelt. Colt hat mit PQC-Algorithmen eine 100-Gbit/s-Transatlantikübertragung durchgeführt. Deutsche Telekom leitet das europäische Quanteninfrastrukturprojekt EuroQci. Vodafone UK integriert schrittweise PQC in seine Sicherheitsdienste für Endnutzer. In den USA erweitert AT&T den Post-Quanten-Schutz auf Unternehmensdienste und das öffentliche Sicherheitsnetzwerk FirstNet. Verizon beteiligt sich an internationalen Standardisierungsgremien. Telus investiert in die Entwicklung von Quantenrechenzentren und verschlüsselten Netzwerken.
Betreiber festigen ihre Wettbewerbsposition auch durch Übernahmen. SK Telecom investierte 65 Millionen US-Dollar in Id Quantique, China Telecom erwarb mehr als 21 % der Anteile an QuantumCtek, und Telus beteiligte sich an dem kanadischen Unternehmen Photonic. Analysys Mason analysiert, dass diese Transaktionen es den Betreibern ermöglichen, mehr Kontrolle über die Technologie-Roadmap auszuüben und die Abhängigkeit von externen Lieferanten zu verringern.
Der regulatorische Rahmen beschleunigt die Entwicklung. Im Jahr 2024 veröffentlichte das National Institute of Standards and Technology (NIST) die endgültigen Standards für die ersten Post-Quanten-Verschlüsselungsalgorithmen und legte einen Fahrplan für die schrittweise Abschaffung traditioneller Verschlüsselung in Bundesbehörden bis 2035 fest. Die Internet Engineering Task Force (IETF) aktualisiert die wichtigsten Internetprotokolle, und die 3rd Generation Partnership Project (3GPP) wird in 5G-Netz Release 20 Unterstützung für PQC einführen, während zukünftige 6G-Netzwerke von Grund auf quantensicher sein werden. Auch Europa und das Vereinigte Königreich haben spezifische Migrationsfristen festgelegt.
Laut Analysys Mason besteht die zentrale Herausforderung für Telekommunikationsbetreiber nicht in der Wahl zwischen PQC und QKD, sondern in der Entwicklung einer Strategie, die eine über Jahre hinweg tragfähige technologische Weiterentwicklung unterstützt. Skalierbarkeit, kryptografische Agilität, Interoperabilität und die Fähigkeit, Algorithmen ohne Neugestaltung der Infrastruktur zu aktualisieren, sind zu entscheidenden Faktoren geworden. Betreiber, die Technologien rechtzeitig integrieren, sich an der Standardisierung beteiligen und ein starkes Ökosystem von Partnern aufbauen können, werden in der Lage sein, die Sicherheitsverpflichtung in einen neuen Wettbewerbsvorteil umzuwandeln.










